Vorwärts zu neuen Rücktritten

„Schwierigkeiten lauern auf den, der nicht auf das Leben reagiert.“ Michail Sergejewitsch Gorbatschow

Wer gestern die spontan einberufene Pressekonferenz des großen Vorsitzenden der ÖVP, der gleichzeitig die Rolle des österreichischen Bundeskanzlers bekleidet, gesehen hat, bleibt ratlos zurück. Als ob er gerade von einem nicht ganz entspannten Wochenende bei seiner Oma im Waldviertel nach Wien ins Bundeskanzleramt zurück gekehrt wäre, erzählt er scheinbar belanglos über seine Selbstbefindlichkeiten und verschwindet danach wieder so ausdruckslos wie er gekommen ist. Kaum in der Geschichte der 2. Republik wurde die Öffentlichkeit von einer Regierung derartig verarscht.

Aber wer die Chats von Sebastian Kurz & Freunde lesen durfte, ahnt, dass die Verarsche der Depperten auch genau so beabsichtigt war.

Die erzeugten Bilder rufen unweigerlich Assoziationen an ähnlich tragisch agierende Figuren im Finale ihres politischen Lebens hervor. Die letzte Rede Nicolae Ceaușescus etwa. Hoffnungslos abgehoben, weltfremd. Oder auch an handelnde Personen am Ende der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, als Erich Honecker die Sitzung des ZK Ende Oktober 1989 mit den ziemlich situationsentrückten Worten: „Gibt es noch Vorschläge zur Tagesordnung?“ eröffnete. Am Ende der Sitzung war Honecker politisch am Schutthaufen der Geschichte.

Das Phänomen einer offensichtlich verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit scheint aber nicht nur auf ein Regierungsmitglied beschränkt zu sein.

Am Mittwoch veröffentlichte Lighthouse Reports erstmalig Aufnahmen von Pushbacks von Menschen auf der Flucht an der kroatischen Grenze durch Maskierte. Das Video zeigt nicht enden wollende Szenen einer beispiellosen Gewalt, dass einem der Atem stockt. Bei den Maskierten handelt es sich kroatische Polizisten. Gestern Freitag zitierte der ORF den Innenminister von Sebastian Kurz so: „Dabei leisteten Länder wie Kroatien und Griechenland an den EU-Außengrenzen ‚hervorragende Arbeit‚ “.

Vom Wort zur Tat?

Oder handelt sich im eigentlichen Kern um einen zutiefst menschenverachtenden Zynismus, der hier hemmungslos und in brutaler Offenheit zur Schau gestellt wird? Die Weiterführung der verächtlichen Sprache der ÖVP-Chats in eine politische Praxis?

Wie auch immer. Es ist erschütternd wie tief Menschen sinken können und wie sehr sie über Jahre andere Menschen mit ihrem Denken und Handeln infizieren konnten.

Link:
Lighthouse Reports: Die Aufdeckung der Schattenpolizei an den Grenzen Kroatiens und Griechenlands – englisch https://www.lighthousereports.nl/investigation/unmasking-europes-shadow-armies/
Warnung: Bilder zeigen menschenverachtende Gewalt.