Päng! Eine Geschichte über den ersten isländischen Terroranschlag

See Mývatn im Norden Islands - mý: Mücke, vatn: Wasser
See Mývatn im Norden Islands – mý: Mücke, vatn: Wasser

Rechtfertigt der Zweck die Mittel, wird Grimur Hákonarson gefragt. Rückblickend betrachtet definitiv, antwortet der isländische Regisseur*. Grimur Hákonarson spricht über einen terroristischen Sprengstoffanschlag. Und er steht mit seiner heutigen Einschätzung ganz und gar nicht alleine da. Viele Isländer_innen scheinen sich auf eine, genau diese eine Erzählweise geeinigt zu haben. Das war der erste terroristische Anschlag – und es war gut, dass die Terrorist_innen das gemacht haben, sagen sie.

Mitten in der Woche, in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1970, begaben sich einige Männer beim See Mývatn im Norden Islands zu einem Damm am Oberlauf des Flusses Laxá í Aðaldal. Dann zerrissen einige Explosionen die Stille der Nacht.

Der Fluss Laxá an der Ausmündung vom See Mývatn
Der Fluss Laxá an der Ausmündung vom See Mývatn

Der Staudamm war durch die Energie einiger Stangen Dynamit zerstört worden.

113 örtliche Þingeyjaringer_innen wurden der Urheber_innenschaft dieses Anschlags beschuldigt. 65 von ihnen erhielten relativ milde Strafen. Da niemand der Angeklagten zu einer Aussage bereit war, gelang es Polizei und Gericht nicht, die mutmasslichen Rädelsführer_innen zu überführen.

Mit diesem Akt des Terrors retten sie nicht nur ihre Landwirtschaften (auch wenn die Leute hier beteuern, dass es den militanten Aktivist_innen nur um den Schutz des Naturraums ging), sondern bewahrten auch die Ursprünglichkeit des Mývatn, dessen Wasserspiegel nach Plänen der Reykjaviker Regierung und der Kraftwerksgesellschaft um einige Meter aufgestaut werden sollte. In einer Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag des Anschlags merkte ein bekannter isländischer Umweltschützer*, Gumundur Páll Ólafsson, an, dass das Attentat nicht nur das Ökosystem des Mývatn und der Laxá rettete, sondern auch die Demokratie-Restriktion, die der Bevölkerung durch Regierung, Behörden und den Kraftwerksbetreiber auferlegt wurde, mit in die Luft jagte. „Dann wurden wir frei“, so Gumundur und spielt im Nachsatz auf die Gegenwarts Islands an: „Für eine Zeit“.

Die Kragenente (englisch treffender Harlequin Duck) lebt in Europa nur auf Island
Die Kragenente (englisch treffender Harlequin Duck) lebt in Europa nur auf Island

Drei Jahre später wurde am Unterlauf der Laxá gegen den harten Widerstand der Bevölkerung von Þingeyjar neben zwei bereits bestehenden Dämmen ein weiteres Kraftwerk errichtet, allerdings in einer redimensionierten Version und unter der Auflage, keine weiteren Kraftwerke zu errichten. (pdf)

Die Wasser- und Geothermieressourcen Islands wecken nach wie vor die Begehrlichkeit des kapitalistischen Systems. So werden aus Brasilien und anderen Ländern Bauxit hergeschifft, um mit provokant billigem Strom energiefressende und gesundheitsschädigende und umweltgefährdende Aluminiumschmelzen zu betreiben.

Eisenten können im Gegensatz zu uns fliegen und lieben Kälte
Eisenten können im Gegensatz zu uns fliegen und lieben Kälte

Mit dem Bau des unnötigen und aufgezwungenen Großprojekts Kárahnjúkar-Damm lagen die Pläne für ein Kraftwerk Laxá wieder auf dem Tisch. Vom Mývatn ertönten sofort warnende Stimmen und, schreibt das isländische Magazin Grapevine, „die Leute vor Ort haben auch die Handhabung von Dynamit nicht verlernt“.

Diese Martialität wird eine_r an vielen Orten und Stellen Islands Gewahr. So fragt auch die Icelandic Revue zu den neuen alten Kraftwerksplänen: „Braucht es wieder eine Explosion, damit Behörden und Politik auf die Menschen hören?“ Doch die militante Pose hält dem Vergleich mit der Wirklichkeit nicht Stand. Auch in Island beklagen politische Aktivist_innen die zunehmende staatliche Repression.

Nach den diesjährigen Wahlen verheißt die Machtübernahme durch den alten Clan wieder wachsende soziale Spannungen. „Island ist so klein, alle kennen alle,“ erzählt eine Gewerkschafterin*. „Das hat bisher noch vieles aufgefangen.“ Ob sich darauf die reaktionäre isländische Elite weiter verlassen darf?

Wal an der Mündung der Laxá (Skjálfandi-Bucht)
Wal an der Mündung der Laxá (Skjálfandi-Bucht)

Grimur Hákonarson dokumentiert in seinem Anfang des Jahres präsentierten Film Hvellur (dt. Krach, Knall) die Protagonist_innen des Staudammattentats, die sich nun bereit erklärten, ihr Schweigen zu brechen. Zwei Dinge scheinen Hákonarson wichtig: „Sie waren kompromisslos.“ Und: „Sie waren erfolgreich.“

Päng!

Trailer: Hvellur

HVELLUR from Ground Control Productions on Vimeo.


Quellen:

http://grapevine.is/Home/ReadArticle/Preserving-The-Laxa-Explosion
http://www.icelandreview.com/icelandreview/daily_life/Icelandic_Terrorism_%28ESA%29_0_398706.news.aspx

Links:
Ein Beitrag zur Geschichte der isländischen Linken: http://blog.rosalux-europa.info/2010/04/21/the-left-in-iceland/
Blog zur aktuellen Situation in Island: http://www.savingiceland.org
Wikipedia-Eintrag Kárahnjúkar-Kraftwerk: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A1rahnj%C3%BAkar-Kraftwerk

Exkurs:
Der Export österreichischer Umwelt- und Energieprobleme nach Schliessung der Primäraluminiumproduktion in Ranshofen (Oberösterreich). Die Elektrolyseanlage der AMAG emittierte bis zur Schließung im Jahr 1992 unter anderem 240 t Fluoride (gasförmig und an Staub gebunden), 160 t Schwefeldioxid, 870 t Staub, 25 t Stickstoffoxide und rund 370 t Polyaromat (geschätzter Wert, Anteil karzinogener Benzo(a)pyren rund 2,5 %) pro Jahr. www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/umweltthemen/industrie/pdfs/MUK/10_Ranshofen.pdf
Studie des Umweltbundesamts zur Situation in Ranshofen (1989) und Beurteilung einer Neuanlage:
http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/M009.pdf
Heute wird Aluminium aus Primärproduktion aus Elektrolyseanlagen in Deutschland und Kanada zugekauft.
Der Energiebedarf für ein 1 kg Aluminium beträgt 1,1 kWh.

 

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